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Lernort Bauernhof

Der Bauernhof als Klassenzimmer

von Rainer Bank, 14. Februar 2025 Der Großteil der Bevölkerung weiß nur sehr wenig über Landwirtschaft. Welche Arbeiten auf den Höfen anfallen und welche Bedeutung sie für unsere Versorgung haben, ist vielen unklar. Das Projekt „Lernort Bauernhof“ versucht das zu ändern und setzt dabei auf praktische Erfahrungen und Bildung vor Ort.
Der Bauernhof als Klassenzimmer
Lernort Bauernhof

Der überwiegende Teil der Bevölkerung hat sich weitgehend von der Landwirtschaft entfremdet. Nur noch gut 1 % arbeitet direkt in der Landwirtschaft, während es in den 1950er Jahren noch fast die Hälfte der Bevölkerung war, die einen unmittelbaren Bezug zu landwirtschaftlichen Tätigkeiten hatte. Die Menschen in der Stadt bekommen nicht mehr mit, wann die Zeit für die Aussaat oder die Ernte ist. Oftmals wird die Landwirtschaft nur noch als Störfaktor wahrgenommen, wenn die Menschen sich am Wochenende auf dem Land erholen wollen. Die Landwirtschaft macht Krach und Staub, sie stinkt und obendrein zerstört sie die Natur, so die städtische Sicht.

Auch auf dem Land in den Dörfern sieht es mittlerweile nicht viel besser aus. Dort, wo bis vor wenigen Jahrzehnten noch Misthaufen vor den Gehöften ein Zeugnis bäuerlicher Tätigkeit waren, ist längst alles aufgegeben, teilweise abgerissen oder zu Wohnraum umgebaut. Die wenigen Zukunftsbetriebe, die übrig blieben, wurden außerhalb der Dörfer auf die grüne Wiese ausgesiedelt. Gemeinsame Berührungspunkte, wie das dörfliche Vereinsleben, finden nicht mehr so häufig statt, oder die verbliebenen Bauern haben sich aus dem Vereinsleben zurückgezogen, da die viele Arbeit auf den Höfen Priorität hat.

Das vom Landwirtschaftsministerium Baden-Württemberg ins Leben gerufene Projekt „Lernort Bauernhof“ möchte dieser Entfremdung entgegenwirken, indem Schulkindern das Leben und Arbeiten auf den Höfen nahegebracht wird. Besuche von Schulklassen auf Bauernhöfen werden mit 30 € je Stunde als Aufwandentschädigung vergütet. Die Aufwandentschädigungen werden für einmalige Bauernhofbesuche bezahlt, aber auch für mehrtägige Projekte. Maximal werden jedoch drei Besuche je Schulklasse auf ein und demselben Bauernhof finanziert.

Landwirtschaftliche Betriebe können sich als Lernort Bauernhof zertifizieren lassen. Dafür muss eine 3-tägige Schulung absolviert werden, in der rechtliche und pädagogische Inhalte vermittelt werden. Nach einer Betriebsbesichtigung durch das zuständige Landwirtschaftsamt steht einer Zuteilung des Prädikats eigentlich nichts mehr im Weg. Weitere regelmäßige Besuche von Fachveranstaltungen sind vorgeschrieben, damit das Prädikat nicht erlischt.

Das Wissen, das auf den Bauernhöfen vermittelt werden kann, ist so unterschiedlich wie die Bauernhöfe selbst. Werden auf einem Hof Kühe oder Schweine gehalten, ist es für die Schüler und Schülerinnen oftmals der erste Kontakt mit einem Nutztier in ihrem Leben. In einem Obstbaubetrieb z.B. können Schulkinder hautnah mitbekommen, wie Äpfel geerntet und dort womöglich noch Apfelsaft hergestellt wird. Ebenso oft ist es für die Schüler und Schülerinnen der erste Kontakt mit der lebenden Materie Boden, was dann oftmals ein „Ihhh“ oder „Ähhhh“ auslöst, wenn die Kinder einen Regenwurm, kleine Spinnen oder Käfer im Boden entdecken.

Der Autor dieses Beitrags nimmt selbst mit seinem Thaddäushof in Kirchzarten seit Herbst 2011 innerhalb einer Kooperation mit dem Montessori Zentrum Angell in Freiburg an dem Projekt Lernort Bauernhof teil. Dieser Privatschule ist es sehr wichtig, dass ihre Schüler noch landwirtschaftliche Eindrücke und Erfahrungen sammeln können. Die Siebtklässler des Gymnasiums absolvieren insgesamt 6 Besuche auf zwei verschiedenen Bauernhöfen über das Jahr verteilt. Zum Ende des Schuljahres berichten die teilnehmenden Schüler und Schülerinnen vor ihren Eltern zu verschiedenen Themen über ihr neu erworbenes Wissen und ihre Eindrücke auf den besuchten Bauernhöfen.

Auf dem Thaddäushof werden den Schülern und Schülerinnen bei einem dreistündigen Besuch zunächst ein paar Grundkenntnisse über die Landwirtschaft vermittelt. Welche Arbeiten gerade anstehen und welche Herausforderungen aktuell zu meistern sind, erfahren die Schulkinder als Erstes: sei es eine längere Regenperiode, welche die Arbeit auf den Wiesen oder Äckern verzögert, oder eine Sommertrockenheit, die Bauern in existenzielle Sorgen treiben kann. Es wird auch mit dem Klischee aufgeräumt, dass der Landwirtsberuf kein klassischer Ausbildungsberuf sei und das von Generation zu Generation angesammelte Wissen und Erfahrungen ausreichten, um einen landwirtschaftlichen Betrieb erfolgreich zu führen. Auf anderen Bauernhöfen werden die Kinder mit einem Quiz oder Frage-Antworten-Spielen dazu animiert, sich Wissen über die Landwirtschaft anzueignen.

Auf dem Thaddäushof folgt nach der Einführung die landwirtschaftliche Praxis. Im zeitigen Frühjahr kann dies das Absammeln von Geäst auf Wiesen sein. Im April/Mai kann Salat und Gemüse in die Erde eingepflanzt werden. Nebenbei können die Schulkinder ihre Sozialkompetenz erweitern, wenn einzelne Arbeitsschritte aufgeteilt werden und trotzdem Hand in Hand gearbeitet wird.

Im Idealfall folgt der nächste Schülerbesuch wenige Zeit später, und die Kinder können sehen und bewundern, wie weit die letztmals eingepflanzten Gemüsesorten sich schon entwickelt haben. Dann stehen für die Kinder im Gemüsegarten das Hacken und das Entfernen des Unkrauts an. Beim dritten Besuch auf dem Thaddäushof kann womöglich das zuvor gepflanzte und gepflegte Gemüse dann gemeinsam geerntet werden. Es wird Wert darauf gelegt, den Schulkindern stets die Sinnhaftigkeit ihres Tuns bewusst zu machen, und was ist für die Kinder schöner, als selbst die Ernte und den Erfolg ihres Tuns zu erleben?

Im Herbst können die Schüler und Schülerinnen beim Zaunbau mit dabei sein, wenn eine Wiese für die Herbstbeweidung eingezäunt werden muss. Auch hier greifen viele Hände ineinander, bis der fertige Zaun steht. Sehr gerne versuchen sich die Kinder daran, mit dem schweren Pfahlhammer die Weidepfähle in den Boden zu klopfen. Das Ganze soll auch Spaß machen und wenn die Kinder sich noch etwas austoben wollen, kann eine Einlage im Pfahlweitwurfwettbewerb für eine lustige Abwechslung sorgen.

Nach einem zünftigen Vesper mit hofeigenen Produkten erfolgt die obligatorische Abschlussrunde, in der die Schüler und Schülerinnen das Erlernte und Erlebte des Tages in wenigen Sätzen reflektieren. Oftmals ist in solch einer Abschlussrunde anerkennend zu hören: „Ich wusste gar nicht, wie viel Arbeit das macht.“

Das Abschluss-Vesper auf dem Thaddäushof nach der Arbeit
Das Abschluss-Vesper auf dem Thaddäushof nach der Arbeit

Das Projekt Lernort Bauernhof ist nicht nur eine Plattform, um Schulkindern landwirtschaftliches Wissen und die dazugehörige Praxis zu vermitteln. Es ist auch eine wertvolle Gelegenheit, jungen Menschen ein „Preiswürdigkeitsempfinden“ zu vermitteln. Wer in jungen Jahren einmal gelernt hat, mit welchem Aufwand Gemüse und Getreide hierzulande produziert werden, wird später im Erwachsenenalter mehr Verständnis aufbringen, warum heimische Lebensmittel teurer und trotzdem „preiswert“ sind.

Die eigene Erfahrung mit vielen Schülerinnen und Schülern zeigt, wie sinnvoll das Projekt Lernort Bauernhof ist, um einen Bewusstseinswandel und eine Wiederannäherung an die Landwirtschaft zu bewirken. Daher wäre es wünschenswert, dass das Projekt in den Lehrplan jeder Schule Einzug erhält. Das Montessori Zentrum Angell finanziert die Bauernhofbesuche ihrer Schüler und Schülerinnen mit einem zusätzlichen Eigenanteil zur Aufwandsentschädigung durch das Landwirtschaftsministerium – ein anerkennenswertes Beispiel, das flächendeckend Schule machen sollte. So könnte der Lernort Bauernhof nicht nur ein hochwertiges pädagogisches Angebot, sondern auch ein lukratives Standbein für so manche Bauernfamilie werden. Und: Aufklärung tut Not.

Weitere Infos über die Arbeit von Lernort Bauernhof

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