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Sie kennen die südbadische Landwirtschaft seit vielen Jahren. Was hat sich am stärksten verändert?
Der Auszug der Viehhaltung aus den Dörfern. Das Summen der Melkmaschinen, das mich als Bub allabendlich begleitet hat, ist verstummt und die Misthäufen sind verschwunden. Die Zahl der Bauernhöfe ist stetig gesunken und dabei vor allem jene der kleinen Mischbetriebe. Aus gesellschaftlicher Sicht nehme ich eine Entkoppelung wahr. Das Leben richtet sich nicht mehr nach dem jahreszeitlichen Verlauf, sondern eher nach den Urlaubs- und Ferienkalendern. Belange eines landwirtschaftlichen Betriebes werden nicht mehr berücksichtigt; von der Gemeinderatssitzung bis hin zur Musikprobe. Früher war klar, dass zur Erntezeit „sell und jener“ fehlen und Termine zwischen sechs und sieben abends ausgeschlossen sind – denn da wurde gemolken.
Verändert hat sich auch das Klima und daran angepasst die Natur. Die Weinlese ist dieses Jahr vermutlich Mitte September zu Ende – früher hat sie Mitte Oktober begonnen. Die Zwetschgen sind reif, wenn die Leute im Sommerurlaub sind, und Erntedank ist nicht mehr am Ende der Ernte – sondern immer am ersten Sonntag im Oktober.
Und wenn wir das Thema Bildungsgefälle Stadt-Land betrachten – das gibt es nicht mehr. Heutzutage sind Landwirte gut ausgebildete Fachleute und Experten.
Und was ist bis heute geblieben?
Die bäuerliche Grundhaltung: „Ich passe auf meinen Boden auf, denn ich habe ihn geerbt und möchte ihn an die nächste Generation weitergeben. Ich muss säen, um zu ernten, aber wenn ich säe, weiß ich nicht, ob ich ernten werde. Und wenn ich nichts ernten kann, muss ich trotzdem wieder säen, auch nach einer Missernte.“ Jeder Landwirt hat ein sehr gutes Gefühl für die Endlichkeit von Gütern – in diesem Jahr ganz besonders von Wasser.
Neuerungen werden geprüft und angenommen – wenn sie überzeugen. Entscheidend ist „der Praxistest“, nicht viel geschwungene Reden in der Theorie. Eine hochgelobte App wird ausprobiert – aber abgeschafft, wenn sie sich nicht bewährt. Der Bezug zur Umsetzung war schon immer gegeben und ist es auch heute noch.
Welche Erfahrungen und Werte der bäuerlichen Tradition sind heute vielleicht wichtiger denn je?
Mitnehmen sollten wir unbedingt das informelle Wissen, das automatisch überliefert wird, wenn mehrere Generationen zusammen am Küchentisch sitzen. Mitnehmen sollten wir auch die Fähigkeit, haushalten zu können und dank traditionellem Wissen bei Bedarf auch aus wenig viel zu machen. Und mitnehmen sollten wir die gesunde Fürsorge und Achtsamkeit: Man pflegt seine Tiere, ernährt und hält sie gesund – aber man wird sie töten. Denn es sind Nutz-, keine Kuscheltiere. Landwirte müssen diesen Spagat hinbekommen. Das Verständnis dafür ist aber leider in der heutigen Gesellschaft – in der nur noch rund 1 % in der Landwirtschaft erwerbstätig sind – überwiegend verloren gegangen.
Wo muss sich Landwirtschaft verändern, um zukunftsfähig zu bleiben?
Diese Frage stellt sich jede Generation neu und ist je nach Betrieb individuell zu beantworten. Sie orientiert sich immer an einer sich wandelnden Gesellschaft. Wichtiger ist heutzutage sicher die Resilienz der Höfe, also ein Aufteilen des wirtschaftlichen Risikos auf mehrere Standbeine beispielsweise.
Welche Leistungen der bäuerlichen Landwirtschaft werden aus Ihrer Sicht gesellschaftlich zu wenig wahrgenommen oder wertgeschätzt?
Alle (lacht). Eigentlich sollten die Leistungen der Landwirtschaft über das Entgelt für die Produkte abgegolten sein. Ich behaupte, jeder Landwirt würde gerne ohne Subventionen auskommen können. Aber das funktioniert nicht mehr und wird es auch nie mehr. Das ist vielen Menschen nicht bewusst. Gleichzeitig sind die Subventionen meist zu niedrig angesetzt. Sie sind da, aber man muss sie sich erkämpfen und dann damit auskommen. Auch das ist vielen jenseits des Agrarsektors nicht bewusst.

Welche Verantwortung haben dann Verbraucher und der Lebensmitteleinzelhandel dafür, dass regionale und bäuerliche Landwirtschaft eine Zukunft hat?
Die Rolle der Verbraucher wird ja immer wieder angesprochen und ist klar: „Kauft regional“. Und der Einzelhandel wirbt zwar mit Regionalität und Heimatgefühl – aber setzt er es um? Spiegelt es sich im Einkaufsverhalten wider? Das sehe ich nicht.
Apropos: Nachhaltigkeit, Regionalität und Wertschätzung von Lebensmitteln sind in der Öffentlichkeit viel diskutierte Themen – aber wie kommen wir vom Reden ins Handeln?
Eigentlich ist das schon die Antwort. Wir müssen handeln. Wir alle müssen handeln mit der jeweiligen Verantwortung und den Rollen, die wir innehaben. Wenn ich Bio haben möchte, muss ich es auch kaufen. In den letzten Jahren sind in Baden-Württemberg etwa im Rahmen der Dialogprozesse viele tolle Papiere entstanden; die Verwaltungsvorschrift für Landeskantinen, die das Erreichen verbindlicher regionaler Bio-Quoten festlegt, oder das Biodiversitätsstärkungsgesetz, das Verantwortung nicht nur beim Landwirt, sondern bei allen Beteiligten sieht. Aber jetzt muss auch langsam die Umsetzung spürbar werden. Wenn sich alle an ihre Versprechen halten und das damit zusammenhängende Geld in die Hand nehmen, können wir etwas erreichen.
Wenn Sie an die nächsten zehn bis zwanzig Jahre denken: Wie kann eine zukunftsfähige bäuerliche Landwirtschaft in Südbaden aussehen?
In den nächsten Jahren werden die Weichenstellungen von heute sichtbar werden. 65% der Betriebe von heute haben keinen Nachfolger. Das heißt, die Zahl der Betriebe wird sinken. Darüber hinaus braucht Landwirtschaft Strukturen, um Lieferketten aufrecht zu erhalten. Es braucht z. B. Metzger, die das Fleisch abnehmen und verkaufen, oder Erfassungen für Getreide, die auch erreichbar sind. Aber sie werden immer weniger und das wird zum Problem der Landwirte. Diesem Wandel müssen wir uns entgegenstellen. Ich wünsche mir, dass die Vielfalt bleibt. Denn das Interesse ist da. Das Engagement, das ich etwa in der Schule für Nebenerwerbslandwirtschaft oder in den Fachschulklassen erlebe, diese tollen jungen Menschen, die hochmotiviert sind und mit guten Ideen starten – das begeistert mich immer wieder aufs Neue. Daran müssen wir anknüpfen und das gilt es zu unterstützen.
Die Eröffnungsveranstaltung zum diesjährigen Höfe-Festival mit dem Vortrag von Bernhard Nägele zum Motto des Festivals „Zwischen Tradition und Zukunft – bäuerliche Landwirtschaft in Südbaden“ findet am 25.09.26 um 19.00 Uhr im Saal der Rainhof Scheune in Kirchzarten statt.
Programm zum Höfe-Festival 2026